Wie ich in einen Schneesturm marschierte und Klarheit fand

Oder: Die Geschichte eines Aufbruchs

Genau 1391 Tage liegt mein altes Leben nun zurück.


Damals führte mich eine Kette von Ereignissen in einen Moment, der meine Zukunft ins Rollen brachte.


Es ist der 4. April 2016. Ich stehe am Ufer von Boston, Massachusetts. Um mich herum tobt ein Schneesturm. Einen guten Tag zuvor lag ich noch in Shorts unter der Sonne von Miami Beach – und hier blasen mir die Minusgrade nur so ins Gesicht. Der Atlantik baut unbarmherzig eine Welle nach der anderen auf und wirft sie der Küste entgegen. Meine Schuhe sind nass, mir ist kalt, ich habe Kopfschmerzen – und doch ist das genau der Augenblick, wie ich ihn mir erhofft hatte. Wie ich ihn vor meiner Reise – zugegeben: in etwas verklärter Vorstellung – auf meine Bucket-List gesetzt hatte.


Hier in Boston, dem Tor zur neuen Welt, wollte ich in die alte Welt zurückblicken. Über mein Leben nachdenken. Über meine zerfahrene Lebenslage. Über Sinn und Unsinn meines Berufsleben. Über meine Ängste und meine Zukunft.

Zwiegespräch mit dem Hier und Jetzt

Mitten in dieser unwirtlichen Szenerie begegnet mir ein Gefühl, das mir zuvor fremd war: Ich fühle mich klein. Wind und Wasser, Schnee und Gezeiten ausgeliefert. Wie ein Sandkorn am Ufer des Universums. Unwürdig und unfähig, mich über die tosenden Naturgewalten zu erheben.


Doch ist es gerade diese Ohnmacht, die mich unerwartet von einer Last befreit: derjenigen, der nach es um mich gehen muss, als sei ich der Mittelpunkt allen Geschehens.


Es ist, als ob mir das Leben freundlich, aber bestimmt einen Platz zuweist – und mir dadurch gibt, was mir fehlt: Orientierung. Und einen Startpunkt, von dem aus ich neu anfangen darf. Ich spüre: Das Leben ist so viel größer als ich – und ich verstehe: Darin ist Platz für mich. Für das, wer ich bin. Für das, wer ich werden könnte.


Und so erlebe ich beim Anblick des Ozeans, der so majestätisch vor mir tobt, die Gewissheit: Alles wird gut.


Stille. Klarheit. Gelassenheit.


An jenem Tag bedeutet das für mich: meinen Job kündigen. Sicherheiten aufgeben. Ins Ungewisse aufbrechen. Ohne Landkarte. Ohne Kompass. Aber auch ohne Ego. Ohne den Hochmut, über den Dingen zu stehen. Bereit für die kleinen Schritte.


Damals weiß ich nicht, wohin mich die Reise führen, was sie mich kosten und ob sie sich lohnen wird. Ich weiß nur, dass mir fortan nur eine Richtung bleibt: nach vorne. Und dass ich gefordert bin, meines eigenen Glückes Schmied zu werden.


Stürme auf hoher See und im Wasserglas

Mein Weg ans Ufer von Boston war lang – und genauso der Weg, den ich von dort genommen habe.


Zum Teil, weil ich ein harmoniebedürftiger Dickkopf sein kann, der leidenschaftlich um Liebgewonnenes ringt. Zum Teil, weil ich unterwegs so ziemlich alles in meinem Leben auf links gedreht habe – meine Gewohnheiten, meine Beziehungen, meinen Besitz, meine Finanzen, meinen Beruf, meine Profession, meine Ernährung und vor allem: meine Glaubenssätze.


Das hat Zeit gekostet. Energie. Geld. Dazu leider auch Freundschaften und am Ende eine eigentlich gemachte berufliche Karriere. Das Härteste aber waren die Selbstzweifel. Das Gefühl der Einsamkeit. Die Angst vor dem Unbekannten.


Ich würde gerne sagen, dass ich geradlinig durch diese Zeit hindurchgegangen bin. Dass ich einem Masterplan gefolgt wäre. Dass ich mir Fehler gewährt hätte. Aber ein Teil der Wahrheit ist auch: Ich hatte oft keine Ahnung, was ich eigentlich tue. Bin häufig mit dem Kopf durch die Wand. Wurde manchmal mehr vom Frust über meinen Alltagstrott angetrieben als von der Sehnsucht nach einer anderen Zukunft.

Verschiebung des Horizonts

Heute, gut 3,5 Jahre später, bin ich dankbar für all diesen Widerstreit.


Mein Schneesturm-Moment hat mir geholfen, das Neuanbrechende zu bejahen und zu zelebrieren.


An jenem kalten Apriltag hat etwas Neues für mich angefangen. Der Blick über den großen Teich hinüber in die alte Welt hat mir Perspektive gegeben. Nur deshalb war ich in der Lage, klare Entscheidungen zu treffen und sie in die Tat umzusetzen. Ich will weder die eisigen Atemzüge des Bostoner Spätwinters noch die Jahreszeiten missen, die ich seither erleben durfte.


Es war nicht alles Sommer, Sonne, Kekse essen. Und doch durfte ich durch alle Höhen und Tiefen hindurch so viel Schönes erleben: Habe eine kleine Agentur aufgebaut. Eine Coaching-Ausbildung gemacht. (Bald) ein zweites Studium abgeschlossen. Bin mit der Liebe meines Lebens in unsere Wahlheimat gezogen. Habe eine Zukunftsplattform mitbegründet, wo ich jeden Tag von Menschen lernen kann, die diese Welt zu einem besseren Ort machen. Starte beruflich neu durch. Werde in den nächsten Tagen Papa.


Zugleich habe ich in den zurückliegenden Jahren aber auch gelernt: die Reise ist mehr als der Aufbruch. Momente haben Macht. Jedoch sehe ich heute auch die unzähligen glanzlosen Schritte, die das Kommende und Besondere vorbereitet haben.


Was also bleibt?


Ich kann den Augenblick am tosenden Ozean immer noch fühlen – und was er mit mir gemacht hat.


Es bleibt vor allem das Gefühl von Weite. Und die Gewissheit, dass da hinten, irgendwo hinter dem Horizont, etwas auf mich wartet:

Zukünfte, die ich verwirklichen kann.


Immer wieder.

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